🎙️ Bandscheibenvorfall, Nervensystem & chronische Schmerzen
EPISODE 49 – BANDSCHEIBENVORFALL, NERVENSYSTEM & CHRONISCHE SCHMERZEN
Episode 49 startet mit einer Debatte über die Fußball-WM und die deutsche Mentalität im Umgang mit Kritik, bevor Alex vom Endspurt seines Praxisumbaus und dem bürokratischen Weg zur Kassenzulassung berichtet. Danach wird es trainingsfachlich: Sind Bodyweight-Übungen wie Liegestütze überbewertet, und warum setzt Fritz so stark auf Chin-ups? Zum Abschluss beantworten die beiden eine Hörerfrage zu anhaltenden Beschwerden nach einem Bandscheibenvorfall – und diskutieren, welche Rolle das vegetative Nervensystem dabei spielt.
Kassenzulassung: Bürokratie in Quadratmetern
Alex hat alle Unterlagen für die Kassenzulassung seiner neuen Praxis eingereicht. Entscheidend sind unter anderem die Raumgrößen: Mindestens 23 Quadratmeter Therapiefläche sind nötig, Trainingsfläche zählt nicht dazu. Aufteilen lässt sich das nur, wenn ein Raum mindestens 15 Quadratmeter hat. Dazu kommen Vorgaben zur Deckenhöhe und das Verbot von Durchgangsräumen. Weil die Zulassungsstelle keine Praxen mehr besichtigt, muss alles per Foto belegt werden – vom Eingang über den Tresen bis in jeden nummerierten Behandlungsraum.
Liegestütze: Overrated oder underrated?
Fritz' Urteil fällt klar aus: overrated – zumindest für das, woran er mit den meisten Menschen arbeitet. Für Fortschritte in Funktion und Leistung setzt er auf submaximale Belastungen im Bereich von etwa drei bis acht Wiederholungen. Für die meisten Menschen sind Push-ups dafür schlicht zu leicht; steigern ließe sich das über Dips, Ring-Push-ups oder Zusatzgewicht.
„In der Welt von Strength and Conditioning sind Push-ups sehr schnell Conditioning.“
Zum Konditionieren und für Fitness im Alltag seien sie dagegen völlig in Ordnung. Alex nutzt sie in der Praxis zum Beispiel als Movement Snacks zwischendurch – zusammen mit Ring Rows, Squats oder Schulterpressen.
Chin-ups oder Pull-ups?
Warum trainiert Fritz so viele Klimmzüge im Untergriff? Weil der Chin-up durch die günstigeren Hebelverhältnisse – auch für den Bizeps – für die meisten Menschen leichter auszuführen ist. Wer die Bewegung überhaupt schafft, bekommt den Reiz aufs Nervensystem und kann Volumen und Intensität schneller steigern. Fritz arbeitet gern in Bereichen von drei bis fünf oder vier bis acht Wiederholungen, mit Zusatzgewicht oder mehr Zeit unter Spannung statt mehr Wiederholungen. Klassische Pull-ups und Multi-Griff-Varianten gehören trotzdem dazu.
„Klimmzüge sind vielleicht das Beste, um nachhaltig Überkopfbeweglichkeit und Schulterbeweglichkeit aufrechtzuerhalten.“
Hörerfrage: Schmerzen vier Monate nach Bandscheibenvorfall
Eine Hörerin hat vier Monate nach einem Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule noch täglich Schmerzen von Rücken über Gesäß und Bein bis in den Fuß, bekommt nach sechs Physio-Einheiten nichts mehr verordnet und beschreibt sich als dauerhaft im Fight-or-Flight-Modus. Alex ordnet ein: Nach vier Monaten sollte das vorgefallene Bandscheibenmaterial weitgehend abgebaut sein, trotzdem halten solche Beschwerden oft lange an. Sinnvoll ist schmerzadaptiertes Arbeiten – zunächst in die freie Bewegungsrichtung, mit Einbeziehung von Fuß, Knie und Hüfte und neurodynamischen Techniken.
Weil Schmerzen multikausal sind, stellt sich hier aber auch die Frage, ob nicht eher eine Dekompensation des vegetativen Nervensystems im Vordergrund steht. Alex' schnelle Hilfen zur Regulation:
Überstreckte Brustwirbelsäule: Rücklage über ein, zwei zusammengelegte Handtücher oder eine AbMat – sofern der Bandscheibenvorfall das zulässt –, beginnend mit einer Minute und langsam gesteigert auf bis zu zehn Minuten.
Nasenatmung während der Übung.
Summen und Brummen zur Stimulation des Vagusnervs, um den Parasympathikus zu stärken.
„Nasenatmung ist wirklich der absolute Gamechanger.“
Eine Faszienrolle ist dafür übrigens ausdrücklich nicht gedacht – das Liegen darüber ist in überstreckter Position deutlich zu invasiv.
Krafttraining trotz überreiztem Nervensystem?
Hier sind sich die beiden nicht ganz einig. Fritz würde klar Krafttraining ergänzen: Dauerhafte Überreizung sei meist ein latenter, kein hochintensiver Zustand – und kontrollierte Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung helfen dem System, wieder in die Homöostase zu finden. Vorsichtiger wäre er mit viel und langem Ausdauertraining. Er denkt an Wiederholungsbereiche von 6 bis 15, gegebenenfalls schwerere Isometrie, und an Rücksicht auf Wirbelsäulenkompression und Lateralflexion.
„Wenn Menschen nicht zwei bis drei Mal die Woche Krafttraining machen, bewirkt es schon oft Wunder, das hinzuzufügen.“
Alex stimmt grundsätzlich zu, mahnt aber zu sehr vorsichtiger Dosierung: Manche Menschen können selbst kleine Trainingsreize irgendwann nicht mehr verarbeiten. Entzündungsfaktoren, Darm, Schlaf und die eigentliche Stressursache im Hintergrund gehören mit auf den Tisch – und ob sich zum Beispiel die Schlafqualität verbessert, zeigt, ob das Training hilft.
Fazit
Anhaltende Schmerzen nach einem Bandscheibenvorfall sind selten nur ein MRT-Befund. Wer schmerzadaptiert trainiert, das Nervensystem aktiv reguliert und Krafttraining behutsam dosiert, hat deutlich bessere Chancen, aus dem Dauer-Alarmzustand herauszukommen.