🎙️ Zwischen Wünschelrute & Muskeltests

Episode 29 – Zwischen Rummelritualen, Muskeltests & der Frage: Muss man Schmerzen akzeptieren?

In Episode 29 wird es gewohnt ungefiltert, fachlich tief und stellenweise herrlich polemisch. Wir sprechen über Trainingsalltag, neue (und alte) Sportarten, osteopathische Rituale, die Grenzen palpatorischer Diagnostik und die große Frage, ob Schmerzen im Alter einfach dazugehören müssen – oder eben nicht.
Zwischen elektrischen Liegen, Springseilen und Social-Media-Frust landen wir genau dort, wo Therapie spannend wird: bei kritischem Denken, sauberen Basics und ehrlicher Reflexion.

Warm-up: Training, CrossFit & neue Lieblingssportarten

Der Einstieg ist locker – und gleichzeitig ein realistischer Blick auf Trainingsrealität. Fritz berichtet von mehr Bewegung durch externe Strukturen:

„Ich habe dadurch wirklich mehr trainiert als vorher.“

CrossFit als Mittel zum Zweck, Laufen trotz Plantarfaszien-Vorgeschichte und die Erkenntnis: Nicht jedes Training muss perfekt geplant sein, um wirksam zu sein.

Alex kontert mit einem sportlichen Rundumschlag: Laufen, Bouldern – und dann die Überraschung:

„Ich habe das Springseilspringen für mich entdeckt.“

Bouldern wird als unterschätzte Kombination aus Kraft, Koordination und Mobility eingeordnet, Springseil als brutal ehrliches Tool für Rhythmus, Unterarme und Kondition.

Das „Rummelritual“ des osteopathischen Listenings

Der fachliche Kern der Episode beginnt mit einer kritischen Auseinandersetzung mit klassischen osteopathischen Listening-Konzepten. Gemeint sind Rituale wie:

  • Hand am Schädel, Hand am Kreuzbein

  • Patient schließt die Augen

  • Körper „fällt“ in eine Richtung → Diagnose

Alex bringt es klar auf den Punkt:

„So sehr und so gerne ich auch Osteopath bin – die Thematik ist leider Käse.“

Besonders kritisch wird die Idee der Motilität von Organen betrachtet – also angebliche Eigenbewegungen jenseits von Atmung und tatsächlicher Mobilität.

Ein zentrales Argument:
Ultraschallbeobachtungen zeigen klar, dass sich Organe durch Atmung bewegen – nicht aber durch mystische Eigenrotationen, die man palpatorisch „fühlen“ können soll.

Differenzierung ist entscheidend:

  • ✔️ Organmobilisation über Aufhängungen & Faszien → sinnvoll

  • ❌ „Eigenbewegungen“ embryologischer Herkunft ertasten → nicht haltbar

Fritz ordnet ein:

„Das ist dann schon ziemlich nah an der Wünschelrute.“

Social Media, Evidence Based Rage & warum Kontext fehlt

Ein weiteres großes Thema: Social Media und der Umgang mit komplexen Inhalten. Anlass ist die Debatte um Beiträge von Daniel Müller und die Reaktionen der „Evidence-Based-Bubble“.

Alex beschreibt es treffend:

„Man kann so einen Kurs nicht in 90 Sekunden erklären. Nicht mal in einem Nachmittag.“

Fritz ergänzt sehr offen seine eigene Distanz zu Plattformen wie Instagram & TikTok:

„Umso länger ich auf der Plattform bin, desto eher habe ich das Gefühl, ich werde dümmer.“

Kernaussage:
Kontroverse Inhalte funktionieren algorithmisch – aber sie verlieren fast immer den nötigen Kontext. Diskussion entsteht, Erkenntnis selten.

Müssen wir Schmerzen im Alter akzeptieren?

Eine der stärksten Fragen der Folge:

„Muss man sich ab einem bestimmten Alter mit Schmerzen abfinden?“

Die Antwort ist differenziert – aber klar.

Fritz:

„Ich würde grundsätzlich sagen, dass man sich ab keinem bestimmten Alter damit abfinden muss, Schmerzen zu haben.“

Alex ergänzt das Modell:

Schmerz ist modulierbar, abhängig von:

  1. Mindset & Psyche

  2. Stoffwechsel & Hormonlage

  3. Qualität von Training & Therapie-Input

Ausnahmen gibt es (z. B. Krebs, MS, schwere Infektionen), aber für die meisten Menschen gilt:
Schmerz ist kein unausweichliches Altersmerkmal.

Ansteuerungstests: Was sie sind – und was nicht

Zum Abschluss geht es sehr praxisnah um Ansteuerungstests. Wichtigste Klarstellung:

„Ansteuerung ist nicht gleich Kraft.“

Ein sauberer Test bedeutet:

  • Therapeut initiiert den Reiz

  • Patient gleicht nur aus

  • langsam, kontrolliert, reproduzierbar

Alex bringt es auf den Punkt:

„Das Schwierige ist nicht das Verständnis – sondern die saubere Umsetzung.“

Fritz ergänzt aus Trainersicht:

„Die Basics haben am Ende den größten Hebel.“

Muskeltests, Palpation, Handling – das Fundament guter Arbeit entsteht nicht durch fancy Tools, sondern durch Präzision.

Fazit

Episode 29 ist ein Paradebeispiel dafür, was diesen Podcast ausmacht:
kritisches Denken statt Dogmen, Erfahrung statt Ideologie und der Mut, Dinge klar zu benennen.

Oder anders gesagt:
Nicht alles, was sich gut anfühlt, ist sinnvoll – und nicht alles, was laut ist, hat Substanz.