🎙️ Warum ein Krafttest nicht alles zeigt: Daniel Müller (SC Magdeburg) über rezeptorbasierte Therapie und die Grenzen der Diagnostik

WARUM EIN KRAFTTEST NICHT ALLES ZEIGT: DANIEL MÜLLER (SC MAGDEBURG) ÜBER REZEPTORBASIERTE THERAPIE UND DIE GRENZEN DER DIAGNOSTIK

Daniel Müller ist zum zweiten Mal zu Gast im Fritz Reincke Podcast. Er ist Athletiktrainer des SC Magdeburg – aktuell eine der dominantesten Mannschaften im Welthandball – und Entwickler der rezeptorbasierten Therapie, einer Methode aus dem Bereich der angewandten Neurologie und des neurozentrierten Trainings. In dieser Episode geht es weniger um die Grundlagen der Methode als um ihre Anwendung im Hochleistungssport: Wie sieht der Alltag eines Athletiktrainers bei zwei Bundesliga- und Champions-League-Spielen pro Woche aus? Warum sagt ein Maximalkrafttest manchmal nicht die Wahrheit über die tatsächliche Belastbarkeit eines Spielers? Und was steckt dahinter, wenn ein gestoßener großer Zeh plötzlich Knieschmerzen auslöst?

Der Alltag im Weltklasse-Handball: Minimaldosierung statt Volumen

Der SC Magdeburg spielt in einer klassischen Woche zwei Spiele – Bundesliga und Champions League – teilweise kommen weitere Pflichtspiele hinzu, sodass auch drei Spiele pro Woche möglich sind. Für Daniel bedeutet das: kaum Zeit für klassisches, umfangreiches Athletiktraining während der Saison. Die eigentliche Vorbereitung findet im Urlaub statt, über individuelle Trainingspläne, bevor in der sechswöchigen Preseason die Mannschaft wieder zusammengeführt wird.

In der Saison selbst verfolgt Daniel eine klare Philosophie:

„Ich bin ein großer Freund von Minimaldosierung, aber höherer Frequenz."

Statt seltener, umfangreicher Trainingseinheiten geht es darum, regelmäßig kleine Kraftreize zu setzen, um das Leistungsniveau zu halten und die Verfügbarkeit der Spieler hochzuhalten.

Monitoring: Warum die subjektive Abfrage wichtiger ist als Trackingdaten

Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist, wie Daniel die Belastung seiner Spieler einschätzt. Tracking-Systeme wurden ausprobiert, aber wieder verworfen – der Aufwand, relevante Parameter für ein Team herauszufinden, sei zu hoch. Stattdessen setzt Daniel auf eine klare Priorisierung:

„Die beste Predictive für eine Verletzung ist einfach zu fragen: Wie geht es dir heute?"

Konkret nutzt er sechs Standard-Fragen zur muskulären Frische und zum Schlaf, kombiniert mit einem therapeutischen oder Bewegungsassessment. Trackingdaten stehen für ihn erst an dritter Stelle. Voraussetzung für belastbare subjektive Daten ist allerdings Vertrauen: Spieler müssen das Gefühl haben, ehrlich antworten zu dürfen, ohne dass es gegen sie verwendet wird.

Sechs Wochen Preseason: Was realistisch erreichbar ist

Fritz fragt konkret, was in den sechs Wochen Saisonvorbereitung erreichbar ist – gerade bei einem Team, das European-Top-3-Ansprüche hat. Daniels Antwort ist unmissverständlich: Signifikante Verbesserungen der Maximalkraft sind in sechs Wochen nicht realistisch. Der Fokus liegt woanders: auf der Wiederherstellung der Belastbarkeit des Bindegewebes, das im Urlaub keine handballspezifischen Reize bekommen hat. Ein Bogenlauf auf dem Handballboden erzeugt völlig andere Kräfte auf Sprunggelenk, Knie und Hüfte als geradliniges Joggen im Wald – dieser Unterschied muss Schritt für Schritt wieder herangeführt werden. Dazu Daniels wiederkehrende Formel für dieses Thema:

„Es spielt eine Rolle, wenn es eine Rolle spielt."

Individuelle Steuerung: Junge Spieler vs. etablierte Weltklasse-Athleten

Daniel unterscheidet klar zwischen Spielerprofilen. Bei einem etablierten, älteren Spieler mit bereits guten Maximalkraftwerten überwiegt das Risiko einer Überlastung den möglichen Nutzen weiterer Kraftsteigerung – hier geht es eher um schnellkräftige, isometrische Reize und den Erhalt feiner Qualitäten wie Agilität, Entscheidungsfindung oder Körperlage-Orientierung. Bei jungen Spielern mit Entwicklungspotenzial ist ein aggressiverer Aufbau der Maximalkraft sinnvoll. Als Basics für die gesamte Mannschaft nennt Daniel Kreuzheben, Klimmzug, Rumpfstabilisation über Anti-Extensions-Übungen sowie viele einbeinige Übungen.

Willkürliche Kraft vs. reflexive Rekrutierung: Die Grenzen des Krafttests

Ein Kernthema des Gesprächs: Ein Kraftmessgerät zeigt, wie viel Kraft jemand willkürlich erzeugen kann – aber nicht, wie gut diese Kraft in einer Bewegung tatsächlich stabilisiert und reguliert wird. Daniel erklärt das über die Muskelspindelzellen, die kontinuierlich die Längenverhältnisse im Muskel messen und den Tonus reflexiv regulieren. Als Beispiel schildert Daniel einen Fall aus seiner Praxis: Ein Spieler hatte sich privat am großen Zeh gestoßen und danach Knieschmerzen entwickelt.

„Der ist nicht willkürlich schwach in dem Sinne, dass er den Beinstrecker nicht aktivieren kann. Aber der Reflex – wenn der Muskel seine Dinge verändert und ich das Gelenk bewege – der ist nicht ausreichend gut."

Der Stimulus am Zeh hatte die Beinmuskulatur reflexiv inhibiert, was sich im Bein-Halte-Test direkt zeigte. Über eine gezielte Stimulation am großen Zeh ließ sich diese Inhibition auflösen – und die Knieschmerzen verschwanden.

Warum nicht jeder Kontakt zum Problem wird

Fritz bringt einen wichtigen Einwand: In einem Kontaktsport wie Handball gibt es permanent neue Traumata. Wenn jeder Reiz potenziell eine Störung auslösen kann, müsste doch dauerhaft alles schmerzen. Daniels Antwort: Es kommt auf die Robustheit des Systems an. Je gesünder ein Mensch insgesamt ist, desto mehr kann er solche Reize kompensieren, ohne dass sie zum Problem werden. Als Illustration nutzt Daniel schlechten Schlaf: Nach zwei schlechten Nächten und hoher sportlicher Belastung sinkt die Reizschwelle im Gewebe deutlich – mehrere Körperstellen werden gleichzeitig druckempfindlich.

Rezeptorbasierte Therapie: Sofort-Desensibilisierung und Fallbeispiele

Der Kern der von Daniel entwickelten Methode: Über gezielte Reize an bestimmten Rezeptoren lässt sich eine solche Sensibilisierung teils innerhalb von Sekunden auflösen. Das Gespräch liefert dafür mehrere konkrete Fallbeispiele:

  • Ein Triathlet kurz vor einem Wettkampf konnte auf einer Körperseite nichts richtig rekrutieren. Über das Riechen von Eukalyptusöl am linken Nasenloch ließ sich die Seite wieder hochregulieren und normal trainieren.

  • Ein Spieler wurde durch einen Augensprung von links nach rechts unterbewusst massiv gestört, unter anderem beim Bahn- und Autofahren. Nach einer gezielten „Entstörung" trat das Problem nicht mehr auf.

  • Ein Kunde mit dauerhaftem Brennen am rechten Ohr wurde über die Desensibilisierung der Kopfgelenkbewegung behandelt. Das Brennen verschwand.

  • Ein Sportler mit einem Kraftdefizit im Bein, verursacht durch eine alte Verletzung mit einer Glasscherbe im Oberschenkel, zeigte nach der Behandlung der peripheren Nervenhülle innerhalb von Minuten einen deutlichen Kraftsprung – auf Kraftplatten objektiv gemessen.

  • Ein Patient mit Long-Covid-Symptomen, chronischem Erschöpfungsgefühl und Schwindel beim Bahnfahren zeigte eine deutliche Einschränkung im linken Auge. Über gezieltes Training der Augenfixation über mehrere Monate verbesserten sich die Symptome deutlich.

„Wir machen die Dinge nicht unbedingt, nur um jetzt mal ganz schnell was zu verändern, sondern um zu verstehen, was der Körper gerade braucht, um dann zu trainieren."

Zwischen Erfahrung und Wissenschaft: Der Umgang mit Kritik

Beide sprechen offen über den Vorwurf der „Quacksalberei", der solchen Methoden immer wieder entgegengebracht wird. Fritz formuliert es so:

„Ich verstehe viele, die sagen, das ist Quacksalberei – weil es für uns auch oft so ist: Wir wissen es nicht, und dann ist doch eine ganz andere Lösung."

Daniel zitiert dazu einen Freund:

„Es gibt keine absolute Wahrheit. Wir nähern uns der absoluten Wahrheit in relativen Wahrheiten."

Körper und Emotion: Die Schnittstelle zur Psychotherapie

Zum Abschluss geht das Gespräch in Richtung der emotionalen Ebene. Daniel beschreibt große Überlappungen zwischen funktioneller Neurologie und psychologischer Arbeit, unter anderem über EMDR. Ein konkretes Beispiel: Bei einem Kreuzbandriss aktiviert allein das Erinnern an die Verletzungssituation reflexiv die kniebandnahe Muskulatur – nicht aber etwa die Rückenmuskulatur, weil Bewegungssteuerungszentren im Nervensystem mit Erinnerungs- und Emotionszentren verschaltet sind.

Fazit

Diese Episode macht deutlich, warum Daniel Müller Kraftwerte nie isoliert betrachtet. Ein Maximalkrafttest zeigt, was willkürlich erzeugt werden kann – nicht, wie gut diese Kraft im Alltag und im Spiel tatsächlich reflexiv reguliert und abgerufen wird. Genau in dieser Lücke liegt für ihn das Feld der rezeptorbasierten Therapie: kleine, oft subklinische Störungen im Nervensystem, die über alte Verletzungen, Schlafmangel oder emotionale Trigger die Sensibilität und Funktion beeinflussen – und sich teils überraschend schnell auflösen lassen. Wer aus dieser Episode etwas mitnehmen will, sollte vor allem eines behalten: Es spielt eine Rolle, wenn es eine Rolle spielt – und genau das herauszufinden, ist die eigentliche Arbeit.

Fritz ReinckeKommentieren