🎙️ Knalltrauma, Nasenlöcher und Isometrics: Wie Fabian Schulz Körper und Nervensystem neu programmiert

KNALLTRAUMA, NASENLÖCHER UND ISOMETRICS: WIE FABIAN SCHULZ KÖRPER UND NERVENSYSTEM NEU PROGRAMMIERT

In der dritten Runde mit Fabian Schulz geht es im fritz:cast tief in die Praxis: Fritz und Fabian sprechen über zwei konkrete Fälle aus ihrer Arbeit in der Osteopathie- und Athletikpraxis, über die neurologische Wirkung von Substanzen wie Koffein und Nikotin, über den Wert von Evidenzbasierung in der Praxis – und ausführlich über isometrisches Training: welche drei Formen es gibt, wann sie sinnvoll sind und warum Fritz den aktuellen Isometrics-Hype kritisch sieht. Dazwischen geht es auch ganz klassisch um Fußball-Aufwärmprogramme und darum, warum die größten Hebel oft in der Struktur liegen, nicht in der einzelnen Übung.

Wenn der Körper sich selbst schützt: Das Knalltrauma

Ausgangspunkt des Gesprächs ist ein Fall aus der vergangenen Woche: ein Patient mit chronischen Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Tinnitus. Bei der Diagnostik – einer Kombination aus Osteopathie und angewandter Neurologie – zeigte sich zunächst nichts Auffälliges. Fabian testete systematisch große Muskelgruppen, ohne dass sich am Spannungsbild etwas veränderte. Erst die gezielte Bezugnahme auf ein zurückliegendes Knalltrauma – eine Verletzung des Trommelfells – veränderte den gesamten Körper.

Fritz ordnet das fachlich ein: Eine Einschränkung muss nicht auf einem strukturellen Schaden beruhen, sondern kann eine reine Schutzreaktion sein, die der Körper dauerhaft aufrechterhält, weil er in der Vergangenheit ein Trauma erlebt hat. Er beschreibt das Prinzip anhand des vegetativen Nervensystems:

„Wir kennen alle im peripheren Nervensystem die Formulierung vom fight or flight, von dem entweder kämpfen oder flüchten."

Fabian ergänzt die dritte, oft vergessene Reaktion – den Freeze-Zustand, bei dem sich der Körper quasi tot stellt. Nach der gezielten Behandlung der Trommelfell-Rezeptoren konnte der Rest des Körpers freier behandelt werden – ein Beispiel dafür, wie ein einzelner, unscheinbarer Auslöser ein komplettes System in Daueranspannung halten kann.

Gerüche als Schalter: Muskelaktivierung über die Nase

Ein zweiter Fall zeigt das Gegenteil: ein Kunde, dessen Muskulatur auf einer Körperseite komplett schwach testete, obwohl er sich subjektiv fit fühlte. Fabian und Fritz lösten das über den Geruchssinn – sie ließen den Patienten Eukalyptus- und Pfefferminzöl über das linke Nasenloch riechen, um die linke Hemisphäre zu aktivieren, weil der Riechnerv als einziger Nerv direkt ins Großhirn geht, ohne vorher unterbewusst verarbeitet zu werden. Dadurch normalisierte sich die rechte Körperseite, und die eigentlichen, bisher verdeckten Probleme – zwei Muskeln, die trotzdem nicht funktionierten – wurden erst sichtbar.

Fritz weist gleichzeitig auf die Kehrseite hin: Ein zu starker Reiz wie Ammoniak könnte das System stattdessen in einen dauerhaften Stressmodus hochschrauben – relevant etwa für die verbreitete Praxis, vor Spielen Riechsalz einzusetzen.

Koffein, Nikotin, MDMA: Warum Substanzen unterschiedlich wirken

Daran schließt ein kurzer Exkurs zu Substanzen an. Fritz unterscheidet konvergente und divergente Wirkungen:

„Koffein beispielsweise hat eine neurologisch konvergente Wirkung. Koffein hilft dabei, strukturierte Aufgaben besser abzuarbeiten und hilft quasi dabei, nicht so verstreut zu sein."

Nikotin wirke ähnlich leistungssteigernd und konvergent, während etwa MDMA eine divergente, eher kreative Wirkung habe. Die praktische Konsequenz: Neue Substanzen oder Reize sollten im Training getestet werden – nicht zum ersten Mal im Wettkampf.

Evidenzbasiert oder einfach nur wirksam?

Ein dritter Fall – ein Patient mit jahrelangem Tinnitus, der über Gleichgewichtstraining und die Behandlung von Kopfgelenken beschwerdefrei wurde – führt zu einer grundsätzlicheren Diskussion. Fritz ist sich bewusst, dass der Prozess der angewandten neurologischen Programmierung wissenschaftlich noch nicht vollständig belegt ist. Seine Haltung dazu ist pragmatisch:

„Mir persönlich und meinen ganzen Athleten und Kunden ist es völlig egal, weil das Entscheidende ist, dass es funktioniert und dass wir damit was verändern."

Dabei rechnet er scharf mit einem verbreiteten Widerspruch ab:

„Ich sehe teilweise die Therapeuten, die am meisten evidenzbasiert mir irgendwas zu Diagnostik und Training erzählen, dann in dem Training mit ihren Patienten mitunter den größten Quatsch machen."

Für ihn zählt am Ende, was in der Praxis mit dem Kunden auf der Bank funktioniert – nicht das theoretische Wissen, mit dem jemand argumentieren kann.

Isometrisches Training: mehr als nur "reinhängen"

Von hier aus steigt das Gespräch tief in isometrisches Training ein – ein Thema, das laut Fritz gerade stark gehypt, aber selten differenziert verstanden wird. Er unterscheidet drei Formen:

  • Konzentrisch eingeleitete Isometrik – etwa ein Kopenhagen-Plank nach einer Verletzung, bei dem die Struktur ohne exzentrische Belastung wieder in Kontraktion gebracht wird, um sie sicher zu re-integrieren.

  • Exzentrisch eingeleitete Isometrik ("reinhängen") – der Muskel wird unter aktiver Spannung verlängert, was sich besonders für Sehnenrehabilitation eignet, weil man die Belastbarkeit der Sehne unter Dauerspannung testen kann.

  • Konzentrisch eingeleitete Isometrik gegen unendlichen Widerstand (Overcoming Isometrics) – etwa 5 bis 60 Sekunden gegen eine Barriere spannen, um über die motorischen Endplatten die neurologische Rekrutierungsfähigkeit der Muskulatur zu verbessern.

„Weil dadurch, dass es physikalisch so ist, dass er nur verhindern muss, dass kinetische Energie entsteht und nur potenzielle Energie aufrechterhalten muss."

Ein Widerstand lässt sich leichter halten als überwinden – deshalb erreicht isometrische Maximalkraft nahezu 100 % der Belastbarkeit. Wichtig ist Fritz dabei die Einordnung: Isometrisches Training entfaltet seinen größten Nutzen erst, wenn parallel klassisches Maximalkrafttraining stattfindet.

Gelenkwinkel, Sportart, Kontext: Warum es kein Patentrezept gibt

Auf Fabians Nachfrage, wie entscheidend der Gelenkwinkel bei Overcoming Isometrics ist, macht Fritz deutlich, dass die Antwort immer vom Sport und vom individuellen Defizit abhängt: Ein Tennisspieler mit vielen seitlichen Bewegungen braucht andere Positionen als ein Fußballspieler. Zeitlich unterscheidet er ebenfalls: Für Maximalkraftsteigerung eignen sich 5 bis 10 Sekunden, im Rehabilitationskontext eher 20 Sekunden mit Fokus auf Kontraktionsfähigkeit und Wiederholbarkeit.

Vor dem Spiel: neuronale statt muskuläre Aktivierung

Für die Aktivierung direkt vor dem Spiel plädiert Fritz gegen isolierte muskuläre Reize:

„Für maximale Flexibilität brauchen wir einen möglichst ausgewogenen Zustand, weil wir in alle Richtungen permanent gegenüber allen Variablen die Möglichkeit haben müssen, uns anzupassen."

Zu viel isolierte Spannung – etwa in der Wade – könne das Bewegungsgefühl eher stören als helfen. Stattdessen bevorzugt er globale, neuronale und vestibuläre Aktivierung, etwa über Kopf- und Blickbewegungen.

Wir sind uns ähnlicher, als wir denken

Ein persönlicherer Gedanke zieht sich durch das gesamte Gespräch: Viele Patienten glauben, ihr Problem sei einzigartig. Fritz widerspricht dem grundsätzlich:

„Alle die Probleme, die wir haben, sind nicht dieselben, aber der Körper ist der gleiche... Es ist ein individueller Geltungsdrang. Es ist nicht die Realität."

Fabian bestätigt das aus der Praxis: Der Glaube, ein völlig singuläres Problem zu haben, das niemand lösen kann, ist selbst oft ein Teil des Problems.

Das unterschätzte Warm-up: Struktur schlägt Einzelübung

Zum Abschluss diskutieren beide das klassische Fußball-Aufwärmen mit Lauf-ABC und Aktivierungsroutinen. Fritz hält viel von einer festen Struktur: erst eine neuronale Aktivierung auf festem Boden ohne Fußballschuhe, dann das Anziehen der Schuhe als bewusster Übergang, dann Lauf-ABC und kleinere Spielformen.

„Wenn man das einmal strukturiert und etabliert hat, ist der Aufwand nur die Organisation und das Aufrechterhalten der Organisationsstruktur. Das anstrengende ist, die Spieler davon zu überzeugen."

Fazit

Die Episode zeigt exemplarisch, wie Fabian und Fritz arbeiten: mit einer Mischung aus manueller, biomechanischer Diagnostik und angewandter Neurologie, bei der nicht jede Methode wissenschaftlich vollständig bewiesen sein muss, um im Einzelfall nachvollziehbar zu wirken. Gleichzeitig bleibt der Blick kritisch – gegenüber Trainern, die sich hinter Evidenzbasierung verstecken, ohne in der Praxis zu liefern, und gegenüber Trends wie dem Isometrics-Hype, der ohne solides Maximalkrafttraining wenig bringt. Der rote Faden: Komplexität entsteht oft aus einfachen, aber konsequent umgesetzten Strukturen – nicht aus immer neuen Spezialübungen.

Fritz ReinckeKommentieren