🎙️ Sportler-Reha, Exercise Engineering & Return to Play

EPISODE 53 – SPORTLER-REHA, EXERCISE ENGINEERING & RETURN TO PLAY

Episode 53 ist die erste Folge nach der Sommerpause – und gleich eine Premiere: Alex nimmt zum ersten Mal aus seiner neuen Praxis in Braunschweig auf. Inhaltlich geht es um eine Frage, die beide regelmäßig zu hören bekommen: Ist die Arbeit mit Sportlern wirklich so viel einfacher? Dazu stellt Alex ein neues Fortbildungsformat vor, zerlegt einen kniffligen Fall einer Eishockey-Schulter aus der DEL, und Fritz berichtet von einem jungen Fußballer nach Schambeinentzündung, bei dem die Frage nach dem Return to Play zur Nervenprobe wird.

Arbeit mit Sportlern: Warum „ihr habt es ja leicht“ nicht stimmt

Alex kennt den Vorwurf aus Kollegenkreisen: Wer mit Sportlern arbeitet, habe es einfach. Die Realität sieht anders aus. Geplante Rehas wie Kreuzband, Syndesmose oder Labrumfixation sind klar strukturiert. Schwierig wird es bei wiederkehrenden Beschwerden, bei denen eine Maßnahme nicht sofort greift – dann werden Sportler unzufrieden und holen sich Zweitmeinungen.

„Manchmal suchen sie auch so lange Meinungen, bis sie eine haben, die sie hören wollen.“

Fritz geht noch weiter: Die Arbeit mit Profisportlern sei in den meisten Fällen deutlich anstrengender als klassisches Personal Training, weil man einen ganz anderen Buy-in schaffen muss – gerade im Mannschaftssport, wo Mitspieler, Trainer und Berater mitreden.

„Du musst so viel besser sein als Trainer und als Therapeut, um überhaupt mit Sportlern zu arbeiten – ohne dass du dafür mehr Geld bekommst.“

Mit „Qualifikation“ meint Fritz dabei nicht den Schein an der Wand, sondern den Ruf: Im bezahlten Fußball schicken Berater nach einer gescheiterten Reha oder einer frühen Wiederverletzung schlicht keine Spieler mehr. Alex ergänzt einen wichtigen Unterschied zwischen fester Vereinskooperation, bei der Trainer und Präsidium im Nacken sitzen, und der Rolle als externe Anlaufstelle.

„Nur irgendwo auf dem Schirm zu sein, heißt halt noch lange nicht, dass du auch wirklich gut bist.“

Exercise Engineering: Trainingskreativität für Physios

Alex kündigt ein neues Fortbildungsformat an, das ab 2027 startet: Exercise Engineering, ein dreitägiger Lehrgang, auch als Inhouse-Schulung buchbar. Der Fokus liegt nicht auf Biomechanik, sondern auf der Frage, wie man aus wenigen Mitteln sportartspezifische Belastungen baut – mit den Bausteinen Kraft, Geschwindigkeit, Koordination, Reaktivität, Kognition, Ermüdung und Rotation.

„Gib den Leuten eine Kurzhantel und sie schaffen gefühlt drei Übungen.“

Als Beispiel dient der Split Squat: Allein durch Gewichtsverlagerung, Beckenposition, Fußstellung, Standlänge, instabile oder asymmetrische Beladung und Rotation entstehen völlig unterschiedliche Reize. Fritz ordnet das ein: Mit Human Development gebe es ein sehr starkes Reha-Konzept, aber danach fehle oft Aus- und Weiterbildung dazu, wie man Funktion und Leistung weiterentwickelt, damit Sportler sich nicht erneut verletzen.

Fallbeispiel: Schulter-Reha bei einem Eishockeyspieler

Der fachliche Kern der Folge: ein 33-jähriger DEL-Spieler mit jahrelanger Schulterinstabilität und wiederholten Subluxationen, operativ stabilisiert (Labrumfixation). Vier Wochen bis Saisonstart, eingeschränkte Außen- und Innenrotation, starke Schmerzen. Das Problem: Training der Außenrotatoren verschlechterte die Innenrotation, Detonisieren der Innenrotatoren brachte Beweglichkeit, aber mehr Schmerz.

  • Exzentrische Vorbelastung: Aus horizontaler Abduktion lässt sich der Spieler per Kabelzug in die Außenrotation ziehen und setzt dann einen kurzen Isohold in Richtung Innenrotation – das machte den Subscapularis widerstandsfähiger gegen die Verlängerung.

  • Gezieltes Auftrainieren der Außenrotation inklusive Serratus.

  • Sanfte myofasziale Arbeit am Subscapularis und im Bereich Tuberculum majus mit nur 50–60 % Druck statt klassischer Triggerpunkt-Intensität.

  • Sportspezifisches Rebound-Training: Holzstock als Schlägerersatz, Widerstandsband am Ende, das gegen den Stock schnippt – für schnelle, ruckartige Bewegungen wie beim Puckkontakt.

Ergebnis: Schmerz von 10 auf etwa 2 in vier Wochen, und am Abend der Aufnahme das erste DEL-Spiel. Alex hätte gern noch zwei Wochen mehr gehabt – aber Eishockey-Mentalität eben.

Return to Play nach Schambeinentzündung: Wann ist zu früh?

Fritz berichtet von einem jungen Fußballer mit langer Vorgeschichte im Adduktoren- und Leistenbereich und diagnostizierter Schambeinentzündung. Eigentlich war die Rückkehr einige Spiele später geplant, doch weil es sportlich nicht läuft und der Spieler im Training gut aussieht, kommt die Frage nach einem früheren Einsatz.

Fritz ist bei Schambeinentzündungen bewusst zurückhaltend: Wird die Belastungsgrenze im Wettkampf überschritten, bricht die Überlastungsreaktion oft so stark wieder aus, dass man gefühlt von vorn beginnt. Die Werte aus Force Frame und Kraftmessplatten sind unauffällig – doch das allein reicht ihm nicht.

„Eigentlich müsste man sagen: Wenn alles wieder normal ist, ist das erst Return to Train.“

Seine Einschätzung: etwa 8,5 bis 9 von 10 in Sachen Wettkampfbelastbarkeit. Sein Plädoyer für den Fahrplan fällt deutlich aus:

„Ob ihr jetzt Letzter oder Vorletzter seid, ist auch kein Unterschied.“

Fazit

Episode 53 zeigt, worum es in der Sportler-Reha wirklich geht: nicht um glamouröse Klientel, sondern um Druck, Vertrauen und saubere Entscheidungen. Kreative, sportartspezifische Belastung macht Athleten resilient – und manchmal ist die wichtigste Entscheidung, einen Spieler lieber eine Woche später zurückkehren zu lassen.

Fritz ReinckeKommentieren